...eine Initiative von Elmar Cùs























































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Geben und Nehmen

Selbstverständlich wird dies keine moralische Abhandlung über die Notwendigkeit von Umverteilung.

Nein, es dreht sich um das Verhältnis von ArbeitGEBER zu ArbeitNEHMER.

Diese beiden Begriffe sind uns völlig geläufig, und kommen uns fast tagtäglich über die Lippen, ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken würden.

Dabei bergen diese beiden Wörter bei kritischer Betrachtung doch einiges an Rätselhaftigkeit in sich.

Betrachtungen eines Querdenkers über die eigentümliche Symbiose zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf dem überaus kuriosen Markt der Arbeit

Im praktischen Leben weiß eigentlich jeder, wer gemeint ist, wenn vom „Arbeitgeber“ die Rede ist.

Wenn ich mir aber ganz konkret die Situation vorstelle, dass ich für meinen Chef einen Sessel in seiner Tischlerei produziere, meine Arbeitsleistung also in seinen Dienst stelle, ihm also meine Arbeit zur Verfügung stelle, so mutet mir die Wortwahl doch ein wenig seltsam an. Bin in diesem Fall nicht ich der Arbeitgeber?

Und ist nicht er der Arbeitnehmer, der er den Sessel nimmt und im Geschäft verkauft?

Manch einer mag dies nun für ein lustiges Wortspiel halten. Andere für eine entnervende Wortklauberei oder gar als „Hirnwichserei“ über Selbstverständlichkeiten, die keinerlei praktischen Erkenntniswert hat.

Doch das ist es nicht. Nein, das Verständnis für die Funktionsweise des so genannten „Arbeitsmarktes“ hängt ganz wesentlich davon ab, dass man die einzelnen betriebswirtschaftlich motivierten Interaktionen unter die Lupe nimmt.

Ein paar philosophische Gedankenspiele können sich dabei durchaus als hilfreich erweisen.

Wer fragt denn nun am Markt Arbeit nach? Und wer bietet sie an?

Sollten jemals bei einem „normalen“ Geschäft Zweifel hinsichtlich der Rollenverteilung von Käufer und Verkäufer auftreten, kann man sich leicht dadurch behelfen, dass man einfach die Richtung des Geldflusses beobachtet. Denn auf dem „normalen“ Markt fließt das Geld immer vom Käufer zum Verkäufer. Also vom Nehmer zum Geber.

Diesem Prinzip folgend, könnten wir also zur Anschauung kommen, die beiden Begriffe würden - wenn es um Arbeit geht - in der Praxis genau verkehrt verwendet.

Lustig, nicht? Aber wie gesagt, darum geht es nicht. Es geht nicht um spaßige Wortklaubereien.

Und wir haben die Sache noch nicht zu Ende gedacht.
Nein. Mit der umgekehrten Verwendung dieser Begriffe mag es ein wenig einleuchtender scheinen, wenn man die Menschen beim Arbeitsamt dergestalt als „gegen Bezahlung Arbeit Anbietende“ betrachtet, statt durch die Bezeichnung „Arbeitssuchende“ zu suggerieren, sie gehörten zu der seltenen Spezies, die lebt, um zu Arbeiten. Aber die überwiegende Mehrzahl der Menschen arbeitet um zu leben. Es ist also nicht die Arbeit, die sie bei den Unternehmern nachfragen, sondern die Bezahlung.

Nona – Binsenweisheit!

Klar ist das eine Binsenweisheit.

Und trotzdem: In den richtigen Kontext gesetzt, führt sie uns auf die Spur zur Lösung des Rätsels um diesen geheimnisvollen Rollentausch zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Doch wenden wir uns in einer dialektischen Betrachtungsweise wiederum den Unternehmern zu.

Diese wären nach unserer neuen, umgekehrten Begrifflichkeit also nunmehr zu Arbeitnehmern mutiert. Eigentlich klar, oder? Sie sind es doch, die tatsächlich eine Nachfrage nach Arbeit haben! Sie wollen doch, dass Leute für sie in ihren Fabriken arbeiten, und dafür sind sie auch bereit, zu bezahlen. Also jetzt sind wir wieder richtig in der Spur. Der Käufer, also der Nehmer von Arbeit ist der jenige, der das Geld an den Verkäufer der Ware, also an den Geber von Arbeit zahlt.

Es scheint also, dass wir den Knoten nun richtig gelöst haben und voller Stolz unseren Mitmenschen diese bemerkenswerte Erkenntnis mitteilen können und ihnen allen vorhalten, dass sie unsere beiden MissBegriffe stets falsch verwenden.

Da gibt’s nur ein kleines Problem:

Wenn die Unternehmer also tatsächlich Nachfrage nach Arbeit haben, wenn sie also tatsächlich wollen, dass Leute in ihren Fabriken für sie arbeiten, ja – warum bauen sie dann ständig Personal ab, und wie kann es dann soviel Arbeitslosigkeit geben?

Naja, könnten jetzt die neoliberalen Anhänger der Arbeitsmarkttheorie sagen: „Der Preis bestimmt eben die Nachfrage!“

Also sind die Löhne – der Preis für Arbeit – zu hoch. Deshalb sinkt die Nachfrage unter das Angebot und die Anbieter bleiben auf ihrer Ware sitzen – im Arbeitsamt. Die logische Konsequenz wäre somit eine Senkung des Lohnniveaus – etwa durch Anhebung der Wochenarbeitszeit, Aufhebung von Mindestlohnverordnungen oder durch verstärkten Druck auf die Arbeitslosen.

Klingt richtig, ist vollkommen logisch, bleibt aber trotzdem völliger Blödsinn.

Wie kann etwas, das logisch ist gleichzeitig Blödsinn sein?

Wenn das Ergebnis eines logischen Schlusses falsch ist, die Logik aber richtig ist, kann es nur an den Grundannahmen liegen. Denn jede Logik benötigt Grundannahmen, auf die sie baut.

In unserem Fall ist es die Annahme, Unternehmer würden Arbeit nachfragen. Das ist ein kompletter Irrglaube.

Kein Unternehmer, den ich kenne, hat auch nur das geringste Interesse, dass jemand für ihn arbeitet.

Naja, ganz so ist es natürlich auch nicht. Wenn etwa ein Unternehmer in einen Massagesalon geht, und sich massieren lässt, ja, dann fragt er Arbeit nach. Er fragt die Arbeit des Masseurs oder der Masseuse nach und bezahlt dafür. In diesem Fall ist also wiederum tatsächlich der Masseur als selbstständiger Unternehmer ein ArbeitGEBER. Er gibt seine Arbeit allerdings nicht an seine Mitarbeiter, sondern an seine Kunden.

Zurück zu unserem Unternehmer mit seiner Fabrik. Ich hatte vorhin die Behauptung aufgestellt, die Unternehmer hätten keine Nachfrage an Arbeit. Warum also stellt dann ein Fabrikant Leute ein und lässt sie nicht nur in seiner Fabrik arbeiten, sondern bezahlt sie auch noch obendrein?

Im Grunde sollte es auch eine Binsenweisheit sein, aber im Lichte der ständig auf dem Tapet der moralischen Kapitalismusdebatte ist dieser Umstand den meisten Leuten viel weniger klar, oder vielleicht besser ausgedrückt, nicht als menschlich völlig natürliches Verhalten und somit als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit bewusst:

Die Unternehmer sind nicht an der Arbeit selbst interessiert, sondern am Gewinn, den sie in weiterer Folge daraus zu lukrieren gedenken.

Wie gesagt – eine Binsenweisheit. Die uns allerdings schon wieder in ein Dilemma führt.

Denn wenn ich nun jemandem 20 Euro gebe, und er gibt mir daraufhin 100 zurück, würde wohl kaum jemand behaupten, ich hätte ihn bezahlt. Bei jeder Finanztransaktion heben sich letztlich gegenläufige Zahlungen auf. Was unterm Strich rauskommt zählt.

Wenn also der Unternehmer den Angestellten zwar bezahlt, aber mit seiner Arbeit Gewinn macht und somit die finanzielle Bilanz zu seinen Gunsten ausgeht, könnte man es ja durchaus so sehen, dass die Richtung des Geldflusses vom Arbeiter zum Unternehmer verläuft. Also doch wieder umgekehrt das Ganze? Hatten wir nicht vorhin festgestellt, dass bei einem normalen Geschäft das Geld vom Käufer zur Verkäufer, vom Nehmer zum Geber fließt?

Wenn nun doch der Unternehmer derjenige ist, zu dem das Geld fließt, ist er dann nicht doch der Gebende, also der Arbeitgeber?

Ja, in der Tat, falls Sie sich schon Sorgen darum gemacht haben, Ihren Sprachgebrauch hinsichtlich dieser beiden Begriffe völlig umkrempeln zu müssen, kann ich Sie beruhigen.

Denn es sind eindeutig die Unternehmer, die am ehesten die Bezeichnung „Arbeitgeber“ verdienen. Und es passt auch am besten die Bezeichnung „Arbeitnehmer“ zur Gruppe der unselbstständig Erwerbstätigen.

Alles beim alten also?

Fast. Aber nicht ganz.

Der Sprachgebrauch kann belassen werden, wie er ist.
Aber das Verständnis sollte ein anderes sein.

Wir müssen die Sache nämlich noch zu ende denken:

Wenn also das Geld quasi vom Arbeiter zum Unternehmer fließt, müssen wir uns schließlich noch mit der Frage auseinandersetzen, was die Gegenleistung dafür ist.

Wir haben schon vorhin festgestellt, dass es die wenigsten von uns sind, die leben um zu arbeiten. Und selbst bei jenen, die dies für sich beanspruchen, stellt sich die Frage, wie sie darauf reagieren würden, wenn man sie dafür zahlen ließe, dass sie arbeiten dürfen.

Nein. Die meisten Menschen arbeiten um zu leben. Sie pflügen den Boden und pflegen ihre Aussaat in der Aussicht auf eine reichliche Ernte von leckeren Früchten. Sie gehen auf die Pirsch und stellen dem Wild nach in der Hoffnung auf einen schmackhaften Braten.

Wie? Aber doch nicht bei uns? Zumindest heutzutage nicht mehr?

Natürlich nicht. In unserer Gesellschaft kann keiner einfach von sich aus selbst in einen Wald marschieren und auf die Jagd gehen. Da braucht er schon eine Lizenz dazu. Und selbst dann ist es nicht etwa so, dass er die Jagdbeute einfach so auf dem Lagerfeuer braten und gemeinsam mit seiner Familie verzehren kann.

Nein, in unserem Kulturkreis ist das alles viel komplizierter. Muss es auch sein, bei unserer Bevölkerungsdichte und in unserer hochtechnisierten Welt.

Und das gilt für praktisch alle Berufsgruppen. Wenn heute einer Schuhe herstellen will, dann muss er eine Gewerbeberechtigung haben. Er muss eine Ahnung von Buchhaltung und von seinen steuerlichen Pflichten haben. Er muss eine Betriebsstättengenehmigung haben, und muss wissen, wie er welche seiner Abfälle zu entsorgen hat.

Mit einem Satz ausgedrückt: Es ist heutzutage nicht jedermanns Sache, sich sein Brot selbstständig zu erwerben.

Aber hey, das ist gar nicht so schlimm! Denn in einer freien Marktwirtschaft gibt es keine Dienstleistung, die nicht käuflich erwerbbar ist, wenn es nur eine ausreichende Nachfrage danach gibt.

Wer es sich nicht antun will, seinen Broterwerb selbst zu organisieren, der suche sich doch einfach jemanden, der dies für ihn „managed“. Der suche sich also einen Manager. Wie? Das kostet aber Geld? Natürlich kostet das Geld! Aber trotzdem kann ich Sie da beruhigen. Denn das Risiko ist in dieser Branche vergleichsweise gering. Die meisten solcher „Broterwerbsmanager“ arbeiten nämlich auf reiner Provisionsbasis. Sie tragen also den Großteil des Risikos, wenn sie ihre Arbeit schlecht machen. In der Regel ist es sogar so, dass sie eine Fixpauschale an Broterwerb garantieren. Wenn sie den Broterwerb dann aber schlecht organisieren, können sie bei dem Geschäft also sogar draufzahlen.

Ja, es sind die Unternehmer, die also ihre Arbeit geben. Sie geben ihre Organisationsarbeit, indem sie die Arbeit der Menschen in ihren Unternehmen so organisieren, dass sie in unserer Marktwirtschaft tragfähig ist. Für diese Arbeit, die sie aufgrund ihrer Managementqualitäten zu leisten fähig sind, verlangen sie als Bezahlung den Gewinn, der ihnen nach Bezahlung der Löhne übrig bleibt.

Diese OrganisationsARBEIT ist es, die der Fabrikant dem Arbeiter GIBT, und die ihn zum Arbeitgeber macht.

Und es ist die Dienstleistung, die der unselbständig Erwerbstätige in Anspruch NIMMT, um sich nicht selbst um eine Betriebsstättengenehmigung zu kümmern müssen, nicht selbst bei den Banken eine Finanzierung zu organisieren, ein Vertriebsnetz aufzubauen und eine Marketingstrategie erarbeiten zu müssen, um seinen Broterwerb zu organisieren.

Und er bezahlt diese Dienstleistung, indem er dem Unternehmer den Überschuss abschöpfen lässt.

Am Arbeitsmarkt wird also nicht Arbeit an sich gehandelt, sondern vielmehr die Gewinnaussichten durch menschliche Arbeit.

Diese Gewinnaussichten sind es, für die Unternehmer nun also bereit sind, auf eigene Initiative hin Geschäftsfelder zu eröffnen oder auszuweiten.

Je höher diese Gewinnaussichten sind, umso stärker werden die Ambitionen der Unternehmer sein. Der Preis regelt die Nachfrage. Auch hier.

Die unternehmerische Initiativkraft aber ist begrenzt. Sie wirkt in diesem Falle wie eine begrenzte Kaufkraft. Dennoch würde das Potential an unternehmerischer Initiativkraft bei weitem ausreichen, allen Menschen den Broterwerb zu organisieren (man könnte auch sagen: alle Leute mit Arbeit zu versorgen).

Wenn da nicht noch ein anderes Problem wäre:

Gewinnaussichten gibt es auch ohne Einsatz menschlicher Arbeit. Und so wie es die meisten Menschen wenig interessiert, ob ihr Sportschuh von geschundenen Kinderhänden irgendwo in Fernost hergestellt wurde, oder von freien, mündigen und erwachsenen Bürgern in einem demokratischen Staat, solange das Endprodukt ihren Erwartungen entspricht, zählt nur: Je billiger, desto lieber!

Ja, und in unserem kapitalistischen System ist es nun mal auch möglich, ohne Einsatz von menschlicher Arbeit Gewinne zu machen. Rein durch Kapitalspekulationen. Das ist auch gut so. Das ist auch wichtig. Ohne die Möglichkeit von Kapitalerträgen, wäre ein solcher technologischer Entwicklungsstand wie wir ihn haben völlig undenkbar. Denn nur über Kreditgeber sind Großprojekte finanzierbar. Und ohne Risikoprämie, also Zinsen, also Kapitalerträgen würde niemand ein Großprojekt finanzieren. Das kapitalistische Grundprinzip ist nicht als solches falsch.

Sola dosis facit venenum

Nur die Dosis macht das Gift.

Wenn ZU VIELE Unternehmer ihre Fähigkeiten einsetzen, um Gewinne über Kapitaleinsatz zu machen, bleiben ZU WENIGE übrig, die dies als Dienstleister, also als ARBEITGEBER versuchen.

Es ist die Dosis an Kapitalmarktgeschäften, die verringert werden muss, indem im Vergleich dazu die Gewinnaussichten durch Organisation menschlicher Arbeit verbessert werden. Und nachdem die Unternehmer genauso wenig an den Gewinnen, die sie an Vater Staat abliefern müssen, wie sie unmittelbar an der Schaffung von Arbeitsplätzen interessiert sind, kann dies am besten dadurch geschehen, indem man durch steuerliche Nachlässe die Nettobilanz der Gewinnaussichten verbessert.

Das werden doch wohl auch die Unternehmer einsehen: Man muss das Lohnniveaus steigern! Das Nettolohnniveau der Broterwerborganisatoren. Das der Kaufkraftschöpfer.

Nicht das der Kapitalspekulanten. Die sind nämlich die wirklichen Arbeitnehmer. Sie nehmen den Leuten nicht nur die Arbeit weg, sondern auch die Kaufkraft. Sie sind es die nur die Kaufkraft der Bevölkerung nutzen, ohne neue zu schaffen. Wahrlich - sie sind reine KaufkraftABschöpfer.