...eine Initiative von Elmar Cùs























































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Wirtschaftswachstum

Die Wachstumsschmerzen der etablierten und der alternativen Wirtschaftstheorien

Die Wirtschaftswissenschaften sind heute mehr denn je in Kritik geraten und es gibt eine Vielzahl von Strömungen, die sich ein gehöriges Stück weit abseits des Mainstreams der etablierten Wirtschafts"wissenschaft" bewegen. Ihr Bestreben ist es, mit ihren Ideen und Initiativen, das verknöcherte Gefüge unseres Wirtschaftsystems aufzulockern und zu rekultivieren.

Einige Vertreter solcher Initativen haben sich einer Idee verschrieben, die unser gegenwärtiges Dilemma dadurch erklärt, dass unser System die immanente Notwendigkeit von Wachstum besitzt.
Es sind dies häufig Weltuntergangspropheten, die das ganze Jahr über Saison haben und die den unausweichlichen "Crash" mit der Unmöglichkeit exponentiellen Wachstums begründen.
Vor allen anderen tun sich dabei die sogenannten Freiwirte - Anhänger von Silvio Gesell, einem nicht weniger skurrilen Wirtschaftswissenschaftler als es die heutigen Abgänger von volkswirtschaftlichen Fakultäten sind.

Ein Kernargument der "Junggesellen" für die Notwendigkeit einer "Geldreform" und Einführung einer Umlaufgebühr ist die sogenannte Unmöglichkeit des dauerhaften exponentiellen Wachstums. Gebetsmühlenartig wird diese Anschauung wieder und wieder anhand von allen möglichen Gleichnissen zum besten gegeben.
Gesells Jünglinge aber, die zu jeder Tages- und Nachtzeit sich selbst - und unter ihresgleichen auch einander - Kritikfähigkeit attestieren würden, kämen wohl nie auf die Idee, kritisch zu hinterfragen, worüber sie eigentlich sprechen, wenn sie von Wachstum reden.
Dafür sind die Technokraten unter ihnen viel zu stark repräsentiert. Jene, die in reinen Zahlen denken und sich stundenlang über die verschiedenen Geldmengen M0, M1 oder MX unterhalten können, ohne jemals auf die Idee zu kommen, dass Wirtschaft auch etwas mit Arbeit zu tun haben könnte, und dass Geld viel weniger wichtig ist, als Horter, Kapitalisten und Freiwirtschaftler meinen.
In dieser Hinsicht fügen sie sich praktisch nahtlos in die Reihen der Technokraten des wirtschafts"wissenschaftlichen" Establishments. Sie passen wunderbar zu den Bürohengsten, die hunderte von Kennziffern drehen und wälzen, addieren, subtrahieren und gewichten, um dann pro Quartal drei oder vier magische Zahlen zu verkünden - zum prognostizierten Wachstum, zur Inflationsrate und zum Budgetdefizit. Auch sie kämen nie auf die Idee, den Wert ihrer Arbeit zu hinterfragen, wenn sie sich von einem Quartal zum anderen gezwungen sehen, ihre Prognosen in solchen Größenordnungen zu revidieren, dass die Trefferquote sich kaum von der eines Stammtischphilosophen unterscheidet, der seinen Blasendruck korrekt zu deuten weiß.
Ja, es ist ein Phänomen, das ich wohl nie wirklich verstehen werde: Mit welcher Ausdauer und mit welchem Enthusiasmus Menschen über Dinge sprechen können, deren Natur sie nicht im geringsten verstehen. So wie jene Leute, die beispielsweise Kunstgeschichte studieren oder lehren, ohne den Begriff "Kunst" überhaupt definieren zu können, ja es nicht einmal wollen.
Oder eben Leute, die über Wirtschaftswachstum reden, ohne sich einmal zu fragen, wie man solches Wachstum überhaupt definiert.
Wie wird Wachstum gemessen, wie wird es festgestellt? Ja, klar - alle paar Monate werden diesbezügliche Ziffern in den Medien genannt, und jene, die sie verkünden, werden wohl wissen, was sie tun - oder ?
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich ist der Begriff Wachstum definiert und es gibt genaue Richtlinien für die Wirtschaftsforscher, wie sie bei der Berechnung vorzugehen haben.
Genauso wie es "eindeutige" Gesetze und "genaue" Regeln für Richter bei der Rechtssprechung gibt. Wer jemals einen Rechtsstreit auszufechten hatte oder sich wenigstens einmal bei einem Anwalt über die Chancen einer ins Auge gefassten Klage erkundigt hat, weiß, wie "genau" und "eindeutig" die Regeln in unserer Gesellschaft festgeschrieben sind.
Anscheinend glauben die meisten Menschen, nur weil die Ergebnisse von Wachstumsprognosen in konkreten Zahlen ausgedrückt werden, dass der Weg zu ihrer Entstehung ebenfalls konkret sei.
Das ist aber natürlich völliger Blödsinn. Wie fast überall im Leben spielt bei der Berechnung von solchen wirtschaftlichen Kennzahlen das subjektive Ermessen der "Fach"leute eine wichtige Rolle. Im Falle der Wachstumsberechnung sogar eine alles entscheidende.
Vor einigen hundert Jahren wäre kurzfristiges Wachstum vielleicht auf einigermaßen seriöser Basis nach den heute angewandten Prinzipien messbar gewesen. Aber heute?
Früher, als sich die Palette der produzierten Produkte im Verlauf der Zeit nicht wesentlich veränderte, konnte man die Wirtschaftsleistung an der Quantität, also an der Menge der produzierten Güter messen. Soundsoviel Tausend Tonnen Kartoffeln, soundsoviel Tausend Tonnen Weizen, undsoweiter bis hin zur Menge produzierten Stahls und den zu Kleidern verarbeiteten Stoffballen. Das ließ sich leicht mit den produzierten Mengen der Vorjahre vergleichen.
Heute aber stellen diese Rohstoffe einen eher unbedeutenden Teil der Gesamtwirtschaft eines Landes dar. Der wesentlichere Anteil der Wirtschaftsleistung betrifft hochkomplexe Produkte, die sich in ihrer Qualität so schnell verändern, dass die vermeintlich gleichen Produkte des einen Jahres mit denen aus dem Vorjahr eigentlich nicht vergleichbar sind.
Es ist gar nichts so schwer, jemanden zu finden, der Ihnen erzählen wird, dass er mit seinem alten Handy zufriedener war als mit dem neuen. Oder einen, der meint, dass LP's besser wären als Musik-CD's. Auch wenn die Mehrheit der Gesellschaft diese Leute vielleicht nicht ganz ernst nehmen würde, so wird diese Meinung von unseren nostalgischen Freunden völlig aufrichtig vertreten.

Der Wert der Dinge ist eben eine völlig subjektive Anschauungsfrage. Darüber hinaus ist er nicht nur subjektiv verschieden, sondern auch situationsabhängig. Ein Glas Wasser ist nun mal in der Wüste mehr wert als in den Alpen. So war es schon immer und so wird es auch immer bleiben. Es ist also total müßig, den "wahren Wert" von Gütern bestimmen zu wollen, wie es unzählige Volkswirtschafter seit Menschengedenken versuchen. Man kann den Wert in Gebrauchswert und Tausch- bzw. Marktwert einteilen, Kategorien wie Seltenheitswert einführen und die Gegenstände meinetwegen mit ideellen Werten behaftet denken. Man wird nie auf einen schlüssigen Nenner kommen.
Deshalb ergeben die Berechnungen der Wirtschafts"wissenschaftler" für die Wirtschaftsleistung eines Landes oder für die Wachstumsrate auch völlig willkürliche Zahlenwerte und nicht etwa objektive Maßzahlen.
Es ist nicht nur schwierig zu entscheiden, ob ein neuer Computer nun tatsächlich besser ist als einer der alten Generation, es ist nicht einmal zweifelsfrei feststellbar, ob ein Computer neuerer Generation, der einen niedrigeren Preis hat als der, den man vor drei Jahren gekauft hat, nun wirklich billiger ist als der alte, oder ob in Wahrheit einfach nur das Geld in der Zwischenzeit mehr Wert geworden ist. Die Inflation bzw. Deflation macht nämlich auch den Preis einer Ware von einem Jahr zum anderen zu einem unzuverlässigen Bewertungsmassstab. Wäre nämlich Geld - wie es gerne idealisiert gedacht wird - wertstabil, so wäre die Wachstumsberechnung ein Kinderspiel. Man müsste ja schließlich nur die Verkaufspreise aller produzierten Waren zusammenzählen und dann könnte man diese Zahl mit der vom Vorjahr vergleichen.
Ist aber - wie in der Realität gegeben auch der Wert des Geldes relativ und die Inflationsrate ein Ergebnis von Berechnungen, welche weitläufig auf Ermessensentscheidungen des Establishments beruhen - , so ist bei den Größenordnungen in denen sich Wachstumswerte und Inflationsraten bewegen jede Menge Interpretationsspielraum gegeben und die Aussagekraft dieser beiden Kennzahlen ist damit absolut fragwürdig.
Bei einem deklarierten Wachstum von 2% und einer Inflationsrate von beispielsweise 3% kann man durch entsprechende Interpretation also die gesamte Bandbreite von 5% Wachstum bei 0% Inflation bis zum umgekehrten Extrem von "Nullwachstum" mit einer reinen Teuerungs- bzw. Inflationsrate von 5% herauslesen.
Die Spitzfindigeren unter uns werden vielleicht sogar darauf hinweisen wollen, dass damit die Bandbreite des möglichen Interpretationsspielraums noch gar nicht voll ausgeschöpft ist.
Schließlich kann es ja auch Deflation geben, die man als „negative“ Inflationsrate ansehen könnte. Somit wäre es also genauso denkbar, in die Werte 2% Wachstum bei 3% Inflation auch durchaus minus 2% Inflation bei 7% Wachstum hinein zu interpretieren.
Und umgekehrt kann auch das Wachstum negativ sein, sodass wir uns auch minus 3% Wachstum vorstellen können, bei 8% Inflation, was etwa eher meiner persönlichen Interpretation entsprechen würde, wie ich noch zeigen werde.
(Zur Erklärung: Die Inflationsrate wird gemeinhin nach folgendem Prinzip berechnet: Ein Gremium stellt einen sogenannten „Warenkorb“ zusammen. Das ist nichts anderes als eine Art Einkaufsliste, die dem ungefähren Jahresbedarf der durchschnittlichen Familie entsprechen soll. In dieser Liste sind neben den Dingen, die man sich so auf einer Einkaufsliste vorstellen mag (wie etwa Brot, Marmelade, Butte, Seife und Waschmittel, etc.) auch Wohnungsmieten, Benzinkosten und Versicherungen, Arztrechnungen bis hin zu Kosten für Nachhilfestunden - möglichst ihrem Anteil an den Ausgaben einer Durchschnittsfamilie entsprechend - miterfasst. Zwar wird versucht, diese Zusammensetzung möglichst repräsentativ zu gestalten, wichtiger aber als die Zusammensetzung an sich ist, dass der „Einkaufskorb“ zweier miteinander verglichenen Jahre gleich ist. So die Theorie. In unserer schnelllebigen Zeit ist dies aus meiner Sicht jedoch gar nicht möglich. Weil die Qualität von Waren von einem Jahr zum anderen nicht vergleichbar ist, bzw. einer willkürlichen Beurteilung unterliegt. Stellen Sie sich etwa das Obst vor, das in diesem Einkaufskorb vorhanden sein mag. Da werden Sie Gesundheitsfanatiker finden, die Ihnen erklären werden, dass das heute gekaufte Obst weit weniger Vitalstoffe enthält als jenes, das noch vor zehn Jahren in den Verkaufsregalen zu finden war. Dass also ein Kilo heute gekaufter Äpfel bei weitem nicht den Wert hat, den ein vor zehn Jahren gekauftes Kilo hatte. Genausogut aber könnten Sie vielleicht einen Junggesellen finden, der davon schwärmt, dass das Obst heutzutage viel frischer ist und viel länger haltbar ist, dass es also einen höheren Wert hat als früher.
Oder es könnte ihnen jemand erzählen, dass eine 70 Quadratmeterwohnung heute eigentlich viel mehr wert ist, da die Erdbevölkerung inzwischen zugenommen hat und deshalb schon der Quadratmeter Bodenfläche an sich subjektiv wertvoller geworden ist. Aus anderer Sicht könnte aber jemand ebenfalls mit Hinweis auf die gestiegene Bevölkerungsdichte den Wert als gesunken ansehen, weil die Lebensqualität in einer solchen Wohnung durch gestiegene Emissionen und Verkehrslärm gelitten hat.
Und so kann man die Liste endlos weiterführen. Während einer die neuen Features bei einem Handy als Wertsteigerung ansieht, beklagt der andere die eingebüßte Bedienerfreundlichkeit.
Wenn nun der vermeintlich von einem Jahr zum anderen unveränderte Warenkorb nun in einem Jahr 10.000,- Euro kosten und im folgenden Jahr 10.200,- Euro, kann man dies wie folgt interpretieren: Derjenige, der die Qualität aller Waren im Warenkorb als völlig unverändert ansieht, wird einfach sagen: „Der Warenkorb hat sich um 2% verteuert - die Inflationsrate beträgt also 2%!".
Ein anderer würde aber vielleicht sagen: Die Waren in diesem Korb sind qualitativ betrachtet durchschnittlich um 5% weniger Wert als die Waren, die man letztes Jahr noch kaufen konnte. Dabei hat sich der Preis sogar noch erhöht! Man zahlt nun 102% für 95% des Warenwerts. Das entspricht für mich einer Teuerung von 7,4%!“
Der dritte aber könnte voller Begeisterung attestieren: „Zwar sind die Preise um 2% gestiegen, aber die Waren im Korb sind qualitativ wesentlich höherwertig. Für diese Qualität würde ich ohne weiteres 10% mehr bezahlen! Aus meiner Sicht bekomme ich 10% mehr Wert für nur 2% mehr Geld. Meine Inflationsberechnung ergibt also minus 9,3 %!“
Die ganze Berechnung der Inflationsrate und des Wachstums steht und fällt also mit der Frage, inwieweit wir die technologischen Entwicklungen als Fortschritt oder als Rückschritt betrachten.

Sie sehen also, die Interpretationsmöglichkeiten sind praktisch unbegrenzt.
Und dennoch: Gäbe es nicht auch einen konstruktiveren Ansatz, den ich selbst zu vertreten bereit bin, würde ich meine Kritik für mich behalten.
Auch wenn ich nicht genau weiß, inwieweit und wann dieses Prinzip von wem das erste Mal vertreten wurde, ist es jedenfalls nicht brandneu und ich will die Idee als solches sicherlich nicht auf meine eigene Fahne heften. Aber ich bekenne mich voll und ganz dazu. Es ist die Rede davon, die menschliche Arbeit als Maß für die Wertbestimmung einer Wirtschaftsleistung heranzuziehen.

Jeder sagt es von Zeit zu Zeit: „Zeit ist Geld!“. Aber die Wirtschaftsforscher kommen nicht auf die Idee, sich diesen Grundsatz zu Herzen zu nehmen, wenn sie die Wirtschaftsdaten einer Nation berechnen.
Dabei wäre es so nahe liegend! Kaum etwas auf der Welt ist so stabil über die Zeit hinweg wie die Zeit selbst! Nur Einstein hat es geschafft, die Zeitstabilität anzukratzen, wenn dies auch für unsere Betrachtungen wohl vernachlässigbar sein dürfte.
Ein Tag ist ein Tag - das war schon so vor tausenden von Jahren. Mehr als 24 Stunden am Tag hat der Mensch nicht zur Verfügung. Anders ausgedrückt: Nimmt man die Einwohnerzahl eines Landes und multipliziert sie mit 24 und dann mit 365, so erhält man das absolut denkbare Maximum an Arbeitszeit, die das Volk theoretisch sinnvoll nutzen könnte. Und diese bleibt von Jahr zu Jahr (mit Ausnahme der Schaltjahre) gleich, bzw. ändert sich nur mit der Bevölkerungszahl.
Man könnte als Maß für die Wirtschaftsleistung die tatsächlich für Arbeit aufgewendete Stundenzahl der Gesamtbevölkerung heranziehen. Fairerweise müsste man diesen Wert natürlich um die darin enthaltene „vergeudete“ Zeit korrigieren. Um jene Zeiten also, die etwa für die Produktion von Waren aufgewendet wurde, die am Markt dann gar nicht absetzbar waren und eingestampft werden mussten. Dadurch ergibt sich natürlich auch bei dieser Definition wieder ein gestaltbarer Interpretationsspielraum, der aber weit weniger bedenklich ist. Und zwar deshalb, weil sich dieser Stundenanteil in einem marktwirtschaftlich orientierten und einigermaßen stabilen Wirtschaftssystem zeitlich nur sehr langsam verändert. Wirklich relevant wäre er hauptsächlich beim Vergleich unterschiedlicher Volkswirtschaften miteinander. Dazu müsste man dann aber auch den durchschnittlichen Ausbildungsgrad der jeweiligen Bevölkerung ebenfalls mit einbeziehen, der den Spielraum noch zusätzlich erweitert.

Wir wollen aber unser Augenmerk nun nicht auf die möglichen Probleme lenken, sondern uns einfach einmal fragen, wie das unser gegenwärtiges Bild von unserem Wirtschaftssystem verändern würde.
Dann kämen wir nämlich zu dem Schluss, dass wir in den letzten Jahren eher ein negatives Wachstum hatten und dafür im Gegenzug die nominelle Inflation zu niedrig gegriffen war besser zutrifft als die jährlich verkündeten Wachstumsraten von 1 bis 3%.
Schließlich hat sich innerhalb der letzten Jahrzehnte sowohl die Wochenarbeitszeit als auch die Lebensarbeitszeit zusehends verkürzt. Nach meiner Definition käme dies einer Wirtschaftsschrumpfung gleich. Wem dies nicht gefällt, der kann sich mit einem mathematischen Trick behelfen, indem er einfach den Kehrwert der durchschnittlichen Stundenleistung pro Einwohner als Indikator für die Konjunktur heranzieht.
Wir sehen hier aber schnell, dass wir solchermaßen in ein kleines emotionales Dilemma geraten: Nach dieser Definition wäre die Konjunktur umso besser, je höher die Arbeitslosigkeit steigt. Andererseits gäbe es auch bei noch so großem technischen Fortschritt bei konstanter Beschäftigungsquote und ohne die Arbeitszeit zu verkürzen kein nominelles Wachstum.
Aber trifft das nicht genauso die gegenwärtige Situation? Wird uns nicht schon seit Jahrzehnten Jahr für Jahr erklärt, dass die Wirtschaft wächst - dass es uns also eigentlich besser als vorher gehen sollte? Und haben nicht viele von uns trotzdem das Gefühl, dass es bei ständig steigenden Arbeitslosenzahlen immer weiter bergab statt bergauf geht?
Da ist es schon unverfänglicher, wie ursprünglich von mir vorgeschlagen, einfach die Arbeitsstunden als Maß für die Wirtschaft anzusehen und dafür auf der anderen Seite dahingehend umzudenken, dass wir eine "Schrumpfung" der Wirtschaft als erstrebenswert anzusehen beginnen. So wie sich jeder einzelne freut, wenn es heißt, er braucht nur mehr 38 Stunden zu arbeiten statt 40, oder er kann mit 60 Jahren in Pension gehen statt mit 65.
Wir sehen aber auch, wie unwichtig der Wachstumsbegriff eigentlich in der Praxis ist. Ob wir den gegenwärtigen Konjunkturverlauf als wachsend oder schrumpfend ansehen - die Arbeitslosenzahlen bleiben davon völlig unbeeindruckt. Es sind für mich bedauernswerte Propheten, die Aussagen über notwendige Wachstumsraten treffen, welche notwendig sein sollen, um die Arbeitslosigkeit zu senken. Ich kann diese Typen einfach nicht ernst nehmen, denn sie machen den größten Fehler, den man nur machen kann: Sie verwechseln Ursache und Wirkung. Wer Wert auf Wachstum legt, muss die Arbeitslosigkeit bekämpfen, und nicht umgekehrt. Wenn mehr gearbeitet wird, wächst die Wirtschaft. Wenn weniger gearbeitet wird, schrumpft sie. Da kann man Zahlen veröffentlichen wie man will, ein bisschen Hausverstand täte da manchen gut, wenn ihnen dieses einfache Prinzip nicht einleuchten will.
Deshalb ist der Wachstumsbegriff völlig unbedeutend. Weil er ein keine Basis für wirtschaftspolitische Entscheidungen oder auch nur für weiterführende Schlussfolgerungen ist, sondern ein Ergebnis der Wirtschaftspolitik ist.

Wie sieht es nun aber mit dem unbegrenzten, exponentiellen Wachstum aus? Ist es nun möglich und inwieweit hängt diese Frage mit der Funktionalität des Geldsystems zusammen?
Versuchen wir uns einfach vorzustellen, wie es weitergehen könnte, wenn die Technik sich immer weiter entwickelt, immer mehr Arbeiten vollautomatisch von Robotern und Automaten erledigt werden und vor allem, wenn der Mensch es irgendwie schafft, diesen Weg so zu beschreiten, dass ein ausreichend funktionierendes Verteilungssystem etabliert wird, um nicht ständig von Unruhen, Bürgerkriegen und Völkermorden wieder zurückgeworfen zu werden? Und wenn er es schafft, seine Wirtschaft soweit zu ökologisieren, dass der Klimawandel die Erde nicht von ihrem Peiniger Mensch befreit und ihn in einer Welle von Umweltkatastrophen hinwegfegt?
Was würde also passieren, wenn alle Gebrauchsgüter vollautomatisch in Fabriken erzeugt würden und Roboter dem Menschen dienen und seine Felder bestellen würden? Wenn jeder weitläufig alle Dinge des täglichen Lebens gratis beziehen könnte?
Sicher gäbe es einige, die gerne dem Müßiggang frönen würden, wenn sie es sich leisten könnten. Viele von uns aber brauchen einfach eine Aufgabe, um sich nicht nutzlos zu fühlen. Ob nun also der Zeitaufwand, den wir freiwillig für Arbeit für die Gesellschaft aufzuwenden bereit wären nun bei 40, bei 38 oder bei 20 Stunden liegt, kann ich nicht beurteilen. Ich bin aber davon überzeugt, dass der Mensch auch wenn er vom Arbeitszwang befreit wäre, immer noch etwas mit Zielrichtung tun würde, um Dinge zu verbessern. Und das wird immer möglich sein. Es wird immer etwas zu verbessern geben. Ob bezahlt oder nicht. Ob zum Erwerb des Lebensunterhalts notwendig oder nicht. Daher müsste man bei künftigen Gesellschaftsformen auch berücksichtigen, welcher Anteil der geleisteten Stunden tatsächlich für das materielle Fortbestehen der Gesellschaft erforderlich ist, oder ob es sich um Arbeit dreht, die durch idealistischen Vorstellungen motiviert ist.
Wenn wir aber nun dazu zurückkehren, den Kehrwert des Stundenaufwands als Wirtschaftsmaß anzuwenden und die Zahl der Arbeitsstunden auf jene beschränken, die für das materielle fortbestehen der Gesellschaft erforderlich ist, kann man leicht erkennen, dass auf dieser Basis gar nicht sonderlich viel Phantasie erforderlich ist, um sich unbeschränktes, exponentielles Wachstum vorzustellen. Dass mit fortschreitender technologischer Entwicklung immer weniger menschliche Arbeit erforderlich ist, um die materiellen Grundbedürfnisse zu befriedigen, ist augenkundlich. Und schließlich ist es auch irgendwann vorstellbar, dass tatsächlich sämtliche Prozesse für das rein materielle Überleben vollautomatisch ablaufen und keine einzige Arbeitsstunde mehr aufgewendet werden muss. Damit würde unser Maß für die Wirtschaft ins Unendliche steigen. Unendliches Wachstum ist auf dieser Basis also durchaus denkmöglich. Und sogar wenn dieser Zustand irgendwann einmal tatsächlich eintreten sollte, würde es immer noch Geld geben können. Es würde vielleicht einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft einnehmen, aber es wir immer Leistungen und Güter geben, die die Menschen zwar nicht unbedingt brauchen, aber dennoch wollen.
Und solche Güter und Dienstleistungen werden bis in alle Ewigkeit handelbar sein müssen, bzw. gehandelt werden wollen. Wie die Währung aussehen mag, kann ich nicht sagen. Ob Schuldscheine für persönliche Leistungen ausgeschrieben werden, oder ob unsere Vorstellung von Geld in ähnlicher Form erhalten bleiben wird, ist aber von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur die Erkenntnis, dass die Bedeutung von Geld nicht von etwaigen Grenzen des Wirtschaftswachstums abhängig ist.

Vollbeschäftigung ist möglich und kann dauerhaft aufrecht erhalten werden - ohne dauerndes Wachstum. Selbstverständlich wäre der Übergang zur Vollbeschäftigung aus der gegenwärtigen Situation heraus nach meiner Definition für die Wirtschaftsleistung von einer starken Wachstumsphase gekennzeichnet. Denn mehr Arbeitsstunden würden mehr Wirtschaft darstellen. Nach erreichen der Vollbeschäftigung wäre aber Schluss, bzw. würde die Gesellschaft sich bei steigender Technisierung wohl von zeit zu zeit zu einer Wirtschaftsschrumpfung durch eine kollektive Senkung der Wochenarbeitszeit unter Beibehaltung des Beschäftigungsgrads entschließen.

Worauf will ich nun eigentlich hinaus mit meinem ganzen Gerede über Wachstum?

Ich will Ihnen eigentlich nur vermitteln, dass Sie mehr auf Ihren Hausverstand vertrauen sollten und sich nicht von den Zahlen, die von irgendwelchen hohen Herren genannt werden über gebühr beeindrucken lassen sollten.
- Ob oder wieviel Wachstum es gibt, ist jemandem der arbeitslos ist, ziemlich egal.
- Es wird ihn auch nicht im Detail interessieren, wie man das Wachstum berechnet, solange er deswegen keinen Job bekommt.
- Daher ist es völlig egal, wie wir Wachstum definieren. Viel interessanter sind die Arbeitslosenzahlen (solange es sich nicht um eine Augenauswischerei handelt , wie etwa in einer Planwirtschaft, wo es zwar offiziell keine Arbeitslosen gibt, wo aber massenweise Arbeitskraft verschwendet wird, weil in der Planwirtschaft der Motivationsfaktor Gewinnstreben fehlt.)
- Ob wir uns für oder gegen Wachstum entscheiden - Wachstum hat nichts mit Umweltverschmutzung zu tun. Denn man kann auch arbeiten, ohne Rohstoffe und Energie zu verbrauchen - auch geistige Arbeit ist Arbeit. Wenn etwa an den Telefonen von Bahn und Post wieder Menschen sitzen statt Automaten, dann ist das ebenfalls zusätzliche Leistung. Und jeder, der sich einmal durch sieben Menüpunkte hindurch gedrückt hat, kennt den Qualitätsunterschied im Service.
Denn Wachstum heißt nach meiner Definition nämlich mehr zu arbeiten - und nicht mit weniger Leuten größere Mengen von Ramsch zu produzieren!

Ein Körnchen Wahrheit

Natürlich liegt auch in der These von der Unmöglichkeit unbegrenzten Wachstums ein Körnchen Wahrheit. Deshalb wird diese Idee auch von so vielen so bereitwillig angenommen.
Völlig unabhängig vom Wachstum führt der Zinseszins zu einer immer rasanterer Umverteilung von den Wenig- oder Nichtsbesitzern zu den Wohlhabenderen oder gar reichen Vielbesitzern.
Und das ist ein Prozess, der tatsächlich nicht unbegrenzt möglich ist. Es kommt unweigerlich der Punkt, wo der Sog des Kapitals so stark wird, dass es für den Teil der Bevölkerung, der diesen „Mehrwert“ erarbeiten muss, unerträglich wird und das System auf die eine oder andere Weise kollabieren muss.
Und es ist natürlich so, dass solange das Wachstum ausreicht, dass die Umverteilung so stattfindet, dass es den Nichtshabenden im Zeitverlauf zumindest nicht schlechter zu gehen beginnt als vorher, der Kollaps vermeidbar scheint. Doch der Schein trügt. Sicher wird der arbeitende Teil der Bevölkerung nicht so schnell unzufrieden werden, solange er zumindest seinen Status Quo bewahren kann. Aber eben nur nicht so schnell. Die Zufriedenheit eines Menschen hängt nicht nur davon ab, welche Erfahrungen er schon hinter sich hat, sondern er misst sein Glück auch am Glück oder Unglück der anderen.
Der Zinseszins stellt einzig allein wegen seiner negativen, exponentiellen Wirkung im Umverteilungsprozess eine Rolle - nicht aber wenn es um das allgemeine Gedeihen der Wirtschaft geht.

Wachstum, Zinseszins und FKKS

Wie fügt sich nun FKKS in dieses Zusammenspiel von Wachstum und Zinseszins, von Ressourcenverbrauch und Umverteilung ein?
FKKS fördert Wachstum im Sinne meiner Definition. Es motiviert die Gesellschaft dazu, menschliches Potential zu nutzen - und zwar auf Kosten rein materiellen Fortschrittdenkens mit stetig steigendem Rohstoff- und Energieverbrauch und auf Kosten rein quantitativer Produktweiterentwicklung. Dafür aber zum Vorteil menschlicher Dienstleistungen, also zu verbessertem Service, zu nachhaltigerer Produktentwicklung, gesteigerter Verarbeitungsqualität und besserer Bedienbarkeit.

FKKS fördert aber nicht nur menschliche Arbeitsleistung. Es hat auch eine subtile Wirkung auf den Umverteilungsmechanismus, ohne einen unmittelbaren Eingriff in die Zinswirtschaft vornehmen zu müssen.

Das FKKS-Prinzip lässt sich nämlich letztlich so ausformen, dass sich indirekt auch der Grad der Umverteilung kontrollieren lässt. Dabei ist der Mechanismus von FKKS jeder einfachen Zwangseinschränkung wie sie sich aus Kapitalertragssteuern oder Vermögens- und Erbschaftssteuern ergibt, bei weitem überlegen.
Der Clou liegt in der Verknüpfung von Kapitalerträgen mit der Schaffung von Arbeitseinkommen.
Der Mechanismus wird am leichtesten erkennbar, wenn man sich die Extremausformung von FKKS in der Form vor Augen führt, wie ich es in meiner kleinen „Inselgeschichte“ über den fiktiven Inselstaat „Taxanica“ durchgespielt habe:
Man erhöht nicht einfach nur den nominellen Unternehmenssteuersatz als Kompensation für die Steuernachlässe, die für Beschäftigung gewährt werden, sondern man setzt ihn überhaupt auf volle 100%. So, dass der erzielbare Nettogewinn für einen Unternehmer überhaupt nur mehr aus dem im Verhältnis zum Einkommen seiner Mitarbeiter bestehenden Steuernachlass besteht.
(Achtung: Dies ist nur ein Gedankenmodell zum einfacheren Verständnis und kein Vorschlag zur Umsetzung! In der Praxis wäre eine solch extreme Ausformung weder notwendig noch empfehlenswert, sondern könnte auch beginnen schädlich zu wirken!)
Anders ausgedrückt würde das praktisch bedeuten, dass der Gewinn des Unternehmers also mit beispielsweise 10% oder 20% (je nach Steuernachlassprozentsatz ) von den gesamten Lohnkosten seiner Mitarbeiter gedeckelt wäre. Das würde natürlich auch für jede Akteingesellschaft genauso gelten. Damit wäre also der gesamte überhaupt in einem Wirtschaftssystem erzielbare Kapitalertrag gedeckelt und direkt an das Arbeitseinkommen der Leistungsträger in der Gesellschaft geknüpft. Gleichzeitig wäre aber Kapitalertrag für den einzelnen praktisch unbegrenzt erzielbar, theoretisch sogar mit teilweise geringerer Besteuerung als derzeit!
Der effektive Steuersatz würde davon abhängen, wie viele Arbeitsplätze mit einer Kapitalmenge geschaffen würden. Wer mit vergleichsweise kleinen Kapitalmengen viele Arbeitsplätze schafft, könnte den damit erzielbaren Gewinn praktisch steuerfrei lukrieren, für andere aber, die nur mit einem Haufen Kapital zu wirtschaften versuchten, ohne andere dabei mitwirken und in Form von Arbeitslohn am Ertrag teilhaben zu lassen, würde der nominelle Steuersatz von bis zu 100% beinahe ungebremst zur Wirkung kommen. Es gäbe also ausreichend Raum für die menschliche Entfaltung, ausreichende Möglichkeiten, um die Menschen zum Wirtschaften zu motivieren, wenn auch pure Ausbeutung praktisch nicht mehr möglich wäre. Das System wäre also in keinster Weise ein solch fataler Motivationskiller wie es die Gleichmacherei in einem etgalitären kommunistischen System ist.
Über die ganze Volkswirtschaft gerechnet wäre das Kapitaleinkommen jedoch gleichzeitig immer untrennbar mit dem Arbeitseinkommen verknüpft und könnte niemals die exponentielle Dynamik der sich momentan ungehemmt öffnenden Schere zwischen Arm und Reich erlangen.

Und das muss das Ziel jeder volkswirtschaftlichen Bestrebung sein:

Ein System zu etablieren, wo es möglich ist, Gewinne zu lukrieren, um dem natürlichen Streben nach Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns (nichts anderes nämlich ist Gewinn als der Lohn für die eigene Arbeit) rechnung zu tragen.